ANFRAGE
Sehr geehrter Dr. Buchinger,
lieber Erwin,
wir schreiben Dir heute in deiner Funktion als Behindertenanwalt.
Das Projekt FreiRaum, das du 2007 besucht hast und dabei auch die MitarbeiterInnen mit Behinderung kennen gelernt hast, hat ja seit 1.1. 2010 keine Finanzierung mehr. Das BASB erklärt sich als nicht (mehr) zuständig, der Minister erklrt, dass seit einer Vereinbarung mit den LandessozialreferentInnen 2003 die Lnder dafür verantworlich seien, nur die "wissen" davon nichts. So werden wir seit Monaten hin- und hergeschickt. Wir haben uns eine Notbudget zusammengekratzt, machen ein Miniprogramm und geben noch nicht auf, um den Erhalt zu kämpfen. Auch eine Unterstützungsplattform hat sich gegründet: www-wir-schaffen-freiraum.at
Viele Menschen haben die Petition unterschrieben, viele Personen und Gruppen sich solidarisch erklärt.
Liest man das Regierungsprogramm 2008 (Seite 175-177), scheint es wie für FreiRaum geschrieben. Gibt es eigentlich keinen Weg die Regierung - besonders die Minister, die Soziales+Bildung reprsentieren - daran zu erinnern, dass sie sich da etwas vorgenommen haben, das der Umsetzung harrt?
Ein Zitat Seite 176: "Förderung von Dienstleistungsangeboten durch Selbsthilfe- und Vertretungsorganisationen, um den Zugang zu den Inhalten des Gleichstellungsrechtes und damit einer selbst bestimmten und eigenverantwortlichen Lebensführung zu ermöglichen. Stärkung der Selbstvertretung von Menschen mit Lernbehinderung zur besseren Partizipation durch Pilotprojekte, easy to read Versionen von Gesetzen."
In Antworten des Ministeriums an die unterschiedlichsten AnfragerInnen/UnterstützerInnen (Inklusion Österreich, AR, diverse Anfragen von PolitikerInnen) der Plattform Wir-schaffen-Freiraum wird immer wieder erklärt, wir seien selbst für die Einstellung der Mittel verantwortlich, denn wir hätten die verlangte Konzeptänderung nicht erfüllt.
Dazu ist zu entgegen, dass das
1. nicht richtig ist: wir haben das Konzept 2006 so verändert, wie es vom BASB Tirol vorgeschlagen wurde.
2. haben wir uns allerdings geweigert, jene Gruppe von Menschen mit schwereren Behinderung, die seit Jahren in der Beschäftigungstherapie sind auszuschließen. Das BASB wollte nämlich nur noch jene Zielgruppe bedienen, die in Beschäftigung oder nahe an der Beschäftigung sind. Wir haben aber freie Plätze in Kursen/workshops auch an Erstgenannte vergeben und dazu zusätzliche Mittel durch SponsorInnen und Inserate... aufgetrieben. Aus der tiefen Überzeugung, dass man nie zu jemanden sagen kann: "du schaffst es nicht, bei dir ist es zu spät!" Möglicherweise hat sie das immer schon gestört, gesagt haben sie uns das allerdings erst vergangene Woche.
Einige Infos zu FreiRaum:
FreiRaum gibt es als Projekt seit 2001, Träger ist der Tiroler Arbeitskreis für Integrative Entwicklung (Tafie). Durch die Beschäftigungsoffensive der österreichischen Bundesregierung wurde es möglich, dieses Beratungsprojekt für mehr Selbstständigkeit ins Leben zu rufen. Beratung wurde von Anfang an aber nicht im klassischen Sinn angeboten, sondern als ein Lern- und Bildungsprozess gesehen, der vor allem auf die Beratung von Betroffenen für Betroffene baute, auf die Weitergabe von Wissen und erprobten Strategien, um eine Arbeit zu finden / zu behalten, Partnerschaft / Sexualität zu leben, Freizeit sinnvoll zu gestalten und Kontakte bzw. Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen.
Aus der täglichen Erfahrung, der Tafie bietet vom Wohnen über Beschäftigung und Arbeitstraining bis zur ambulanten Therapie sehr vieles für Menschen mit Behinderungen an, waren wir zur Erkenntnis gelangt, dass das bloße Vermitteln auf eine Arbeitsstelle die berufliche Eingliederung nicht nachhaltig absichern kann. Und viele Menschen mit Behinderungen brauchen auch die positiven Erfahrungen anderer, um sich erst einmal auf den Weg in Richtung Arbeitsmarkt zu machen.
FreiRaum ist eine Erfolgsgeschichte. Im vergangenen Semester nahmen 119 Personen aus dem Großraum Innsbruck an Workshops und Kursen teil. Wenn wir könnten, wie wir wollten, hätten wir dieses Angebot längst auf das ganze Bundesland ausgedehnt, denn Anfragen kommen von Lienz bis Landeck. Auerdem beschäftigen wir 2 MitarbeiterInnen mit Lernbehinderung, die neben Beratungsarbeit und Kursleitung auch Organisations- und Verwaltungsaufgaben erledigen und nebenbei noch Vorträge, z.B. an Schulen, halten, in einer Forschungsgruppe mitarbeiten, die UN-Konvention in großen Veranstaltungen vermitteln
Wir bitten dich ganz dringend um Unterstützung
liebe Grüße
Mag.a Ulli Schindl-Helldrich
Egger-Lienz-Straße 2
6112 Wattens
tel. +43-5224-55638-13
mob. +43-676-845556-13
ANTWORTSCHREIBEN
Sehr geehrte Frau Magistra Schindl-Helldrich,
liebe Ulli,
die Entwicklung bei FreiRaum schmerzt mich und verstehe ich das intensive Bemühen, dieses erfolgreiche Projekt weiterführen zu können. Ich kann andererseits aber auch die Argumentation des Bundessozialamtes und des Sozialministeriums, sich auf die stärker und unmittelbar arbeitsmarktbezogenen Projekte zu konzentrieren, gut verstehen. Diese Entwicklung habe ich ja zu der Zeit als ich in der Funktion des Sozialministers tätig war, selbst eingeleitet. Wenn ich Dein mail richtig verstehe, wurde das Projekt hinsichtlich der Zielgruppe bewusst nicht an die Erfordernisse des Bundessozialamtes angepasst, was wiederum die Grundlage der nun erfolgten Entscheidung war, die Förderung einzustellen.
Mit Mag. Guggenberger, dem Leiter der Landesstelle Tirol habe ich bereits telefoniert. Mit dem Land Tirol (Herrn Landesrat Reheis) werde ich bei Gelegenheit des bereits vereinbarten Sprechtages am 21. April ebenfalls ein entsprechendes Gespräch führen. Ich sage aber ganz offen, dass ich wenig Chancen sehe, die negative Förderentscheidung des Bundessozialamtes veränden zu können.
Freundliche Grüße aus Wien,
Dr. Erwin Buchinger
Anwalt für Gleichbehandlungsfragen
für Menschen mit Behinderung
Babenbergerstraße 5/4
A- 1010 Wien
Tel: 0800 80 80 16 (gebührenfrei)
Fax: 01-71100/2237
mailto:


